Darmstädter Echo: Knutschen im Keller

Darmstädter Echo am 2. Juli 2002

Knutschen im Keller

Poetry Slam: Katinka Buddenkotte gewinnt die 3. Dichterschlacht in der Centralstation

DARMSTADT. „Liebe Vizeweltmeisterinnen, liebe Vizeweltmeister!“ Slammer (neudeutsch für Poet oder Dichter) und Publikumsliebling Lasse Samström aus Bonn beginnt grabredenernst seine sieben Minuten „Slamzeit“, die Zeit, in der ihm die Bühne und die Aufmerksamkeit des Auditoriums zur Verfügung stehen, mit dem Wort, mit dem sich viele Deutsche an diesem Sonntag eher ungern zu identifizieren suchen: „Vize“. In der Centralstation sind die ersten glucksenden Lacher vernehmbar.
Es ist Zeit für „Poetry Slam“, genauer gesagt: die „3. Darmstädter Dichterschlacht“, die elf Slammer in die Wissenschaftsstadt geführt hat. Die Zahl von 330 Zuschauern war nach Einschätzung von Veranstalter Oliver Gaußmann wohl wegen des Fußballs nur halb so hoch wie bei der vorangegangenen Dichterschlacht, aber das Kommen, Hören, Sehen und Abstimmen lohnte sich.

Sieben Minuten, so viel Zeit steht jedem Poeten zur Verfügung. In dieser Zeit gewinnt oder verwirkt er sich die Sympathie des Publikums, das nach jeder Vorrunde bewertet, wer in das Finale einzieht. Das Spektrum der vorgetragenen Stücke reicht von literarischen Überhöhungen des Alltagslebens über Gesellschaftskritik bis zu komischer Schüttelprosa à la „Unser Schorf soll döner werden“.

Finalteilnehmerin Katinka Buddenkotte aus Düsseldorf überzeugte mit ihren prosaischen Erinnerungen an „das erste Knutschen mit zwölf Jahren auf Parties in 1,85 Meter hohen Hobbykellern – und dabei war ich damals schon 1,80“. Ihre Schilderung der „Neunzehn-Uhr-Orgie im Brutkasten“ toppte die junge Frau im Finale mit einem Text, der sich in gleicher ironisch-schlagfertiger Weise „an alle Frauen richtete, die früher auch nicht perfekt waren“.

Damit gewann sie die Wahl zum Slam-Champ knapp vor dem wort- und stimmgewaltigen Timo Prunke. Der vollführte ohne abzulesen einen siebenminütigen verbalen Protestmarsch gegen Ausländerfeindlichkeit und Abschiebung, „für einen freien Platz in den Köpfen und Herzkammern“. Den dritten Platz erreichte Etta Streicher (Mainz), die zweite der beiden weiblichen Teilnehmer am Slam Contest, mit ihrer Ode „Von der Sorglosigkeit der Dinge“.

Weiterer Höhepunkt des Abends war der Auftritt des Gewinners der „Nationalen Slammeisterschaften“ des vergangenen Jahres, Sebastian Krämer (Berlin), der seinen Beitrag eröffnete mit den Worten: „In meinem Badezimmer wohnt ein Schlagzeuger, weil – der braucht ein Becken.“

Die 4. Darmstädter Dichterschlacht wird es am 13. Oktober 2002 geben und, wer weiß, vielleicht wird die Stadt bald auch Austragungsort der Nationalen Slammeisterschaften.

Sandra Breidbach
2.7.2002