Darmstädter Echo: Sieben Minuten Poesie

Sieben Minuten PoesieDer Text muss fetzen, muss das Publikum begeistern wie ein gutes Rockkonzert. Liebeslyrik mit Beschreibungen sexueller Gelüste kommt da nicht gut an: „Nächster Dichter“, brüllt jemand aus dem Publikum.
Rhythmischer Sprechgesang mit schrägem Humor hat bei den 300 Gästen in der Darmstädter Centralstation bessere Chancen. Dafür gibt es anhaltenden Applaus nach jedem Text.
Über den dicht besetzten Tischen schwebt Tabakqualm, Kellner mühen sich mit Gläserstapeln durch die Menge, und oben auf der Bühne sichert sich Alex Dreppec die Gunst des Publikums mit seiner Ballade „Die Doppelmoral des devoten Despoten“.
Die ganz leisen Töne sind bei der Premiere der „Darmstädter Dichterschlacht“ fehl am Platz: Ulrich Degwitz’ spröde Lyrik holt keine Punkte. Und Michael Bloeck (Begrüßung: „Wo isse hie, die Poesie?“) hat mit seinen Oden auf Luftmatratze und Dinkelstreukissen auch keine Chance.
Die Dichterschlacht soll künftig drei- bis viermal jährlich in der Centralstation toben. Am Sonntag hatte „Poetry Slam“ mit zwölf Teilnehmern, darunter mehrere Darmstädter Autoren, Premiere.
Der Reiz des Spontanen und die eigenwillige Ästhetik der Rezitation an den Grenzen der Gattungen machen diese besondere Variante der Dichterlesung aus, bei der jeder auf die Bühne steigen kann, der sich vorher anmeldet.
Auch Poeten aus Frankfurt waren zur ersten Dichterschlacht nach Darmstadt eingeladen. Das ergab eine perfekte Mischung mit je zur Hälfte routinierten Bühnenprofis und Neueinsteigern.
Die lyrische Selbstvermarktung vor einem Publikum, das seine Kritik auch mal lauthals äußert, ist nicht jedermanns Sache. Denn zum erfolgreichen Slam gehört der Text wenigstens ebenso wie die gekonnte Eigeninszenierung.
Die muss nicht unbedingt laut sein, sondern vor allem mitreißen. So steckte Alexandra Becht trotz des zeitkritischen Inhalts ihrer Geschichten das Publikum zum Mitklatschen an.
Bernhard Bauser nahm die Sprache als feines Spielzeug mit auf die Bühne, parodierte die hektische Sprache der erfolgreichen Jugend ebenso wie den schwäbischen Dialekt.
Fast unscheinbar zunächst: Alex Dreppec, der mit Reitpeitsche und heller, leichter Stimme auf die Bühne kommt. Doch schon die erste Szene spricht von einem eigenwilligen Humor, wenn das lyrische Ich über das Schwängern unbekannter Frauen nachdenkt und Reagenzgläser verschenkt. Dann Lasse Samstroem mit seinen genialen Schüttelreimen, die zu Parodien des vermeintlich normalen Lebens werden.
Becht, Bauser, Dreppec und Samstroem erreichten nach drei Vorrunden das Finale. Wieder hatte jeder sieben Minuten Zeit, um seine Texte vorzutragen – so lange, wie eben ein gutes Bier braucht. Denkbar knapp wählte das Publikum Alex Dreppec zum Sieger.
Wenn möglich, will die Dichterschlacht ihren Gewinner auch zur deutschen Meisterschaft der Slammer schicken, die vom 15. bis 18. November in Hamburg stattfindet – eine gute Werbung für die nächste Dichterschlacht.

Peter Thomas, 15.10.2001

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